G in the Air

Aus: 

Dashiell Hammett 

The Maltese Falcon 

Kapitel 7: G in the air 

1930 

 

 

Übersetzung: 

Hartwig Thomas 

1977 

 

Lizenz für Übersetzung: 

Creative Commons Attribution-ShareAlike 2.5 License

 

In seinem Schlafzimmmer, das jetzt mit hochgeklapptem Wandbett ein Wohnzimmer war, nahm Spade Brigid O'Shaughnessy Hut und Mantel ab, liess sie in einem gepolsterten Schaukel­stuhl Platz nehmen und telephonierte mit dem Hotel Belvedere. Cairo war noch nicht zurück vom Theater. Spade hinterliess seine Telephonnummer mit der Bitte, Cairo möge ihn anrufen, sobald er komme. 

Spade setzte sich in den Sessel neben dem Tisch und begann unvermittelt, ohne eine einlei­tende Bemerkung irgendwelcher Art, der jungen Frau von einer Sache zu erzählen, die sich vor einigen Jah­ren im Nordwesten zugetragen hatte. Er sprach mit ruhiger, nüchterner Stimme ohne Nachdruck oder Pausen, wiederholte aber dann und wann einen Satz leicht abgeändert als ob es wichtig sei, dass jede Einzelheit genau so dargestellt werde wie sie sich zugetragen hatte. 

Anfangs hörte Brigid O'Shaugh­­nessy nur mit geteilter Aufmerksamkeit zu, offensichtlich mehr überrascht, dass er ihr die Geschichte erzählte, als interessiert an ihrem Inhalt, ihre Neugier mehr mit dem Zweck beschäftigt, den er mit der Erzählung der Geschichte verfolgte, als mit der erzähl­ten Ge­schichte; bald aber nahm sie die Geschichte in ihrem weiteren Verlauf mehr und mehr ge­fangen und sie wurde still und aufmerksam. 

Ein Mann namens Flitcraft hatte eines Mittags sein Maklerbüro in Tacoma verlassen, um es­sen zu gehen, und war nicht mehr zurückgekommen. Er hielt eine Verabredung zum Golfspiel nach vier Uhr an jenem Nachmittag nicht ein, obwohl sie eine knappe halbe Stunde, bevor er essen ging, auf seine eigene Initiative hin zustande gekommen war. Seine Frau und Kinder sahen ihn nie wie­der. Seine Frau und er sollen bestens miteinander ausgekommen sein. Er hatte zwei Kinder, Jun­gen, einer fünf und der andere drei. Er besass ein Haus in einem Vorort von Tacoma, einen neuen Packard und das übrige Zubehör eines erfolgreichen amerikanischen Lebens. 

Flitcraft hatte siebzigtausend Dollar von seinem Vater geerbt und war mit seinem Erfolg als Grundstückmakler um die zweihunderttausend Dollar wert als er verschwand. Seine Angelegen­heiten waren geordnet, obwohl genügend lose Enden dabei waren, die zeigten, dass er sie nicht eigens geord­net hatte, um sein Verschwinden vorzubereiten. Ein Geschäft, das ihm einen ansehnli­chen Profit ein­gebracht hätte, zum Beispiel, hatte an dem Tage abgeschlossen werden sollen, der auf den seines Ver­schwindens folgte. Nichts deutete darauf hin, dass er mehr als fünfzig oder sech­zig Dollars bei sich hatte, als er wegging. Seine Gewohnheiten konnten über Monate zu vollständig zurückverfolgt wer­den, um irgendeinen Verdacht geheimer Laster oder gar einer anderen Frau in seinem Leben zu recht­fertigen, obwohl beides nicht völlig ausgeschlossen werden konnte. 

»Er war einfach weg,« sagte Spade, »wie eine Faust, wenn man die Hand aufmacht.« 

Als er bei diesem Punkt in seiner Geschichte angelangt war, klingelte das Telephon. 

»Hallo,« sagte Spade in den Apparat. »Mr. Cairo? … Hier ist Spade. Können sie zu mir kommen – Post Street – jetzt gleich? … Ja, ich glaube, das ist es.« Er blickte die junge Frau an, kniff die Lip­pen zusammen und sagte dann rasch: »Miss O'Shaughnessy ist hier und möchte sie sprechen.« 

Brigid O'Shaughnessy runzelte die Stirn und bewegte sich in ihrem Stuhl, sagte aber nichts. 

Spade legte den Hörer auf und teilte ihr mit: »Er wird in wenigen Minuten hier sein. Also das war 1922. 1927 arbeitete ich für eine der grossen Detektivagenturen in Seattle. Mrs. Flitcraft kam zu uns und erzählte, jemand habe in Spokane einen Mann gesehen, der ziemlich wie ihr Ehemann aus­sehe. Ich ging dorthin. Es war tatsächlich Flitcraft. Er lebte seit ein paar Jahren in Spokane als Charles – das war sein Vorname – Pierce. Er hatte einen Autohandel, der ihm jährlich zwanzig- oder fünfund­zwanzigtausend einbrachte, eine Frau, einen kleinen Sohn, besass ein Eigenheim in einem Vorort von Spokane und spielte gewöhnlich Golf nach vier Uhr nachmittags während der Saison.«

Spade hatte keine genauen Anweisungen erhalten, was er tun solle, wenn er Flitcraft fände. Sie sprachen miteinander in Spades Zimmer im Davenport Hotel. Flitcraft hatte keine Schuldge­fühle. Er hatte seine erste Familie wohlversorgt zurückgelassen und was er getan hatte schien ihm völlig ver­nünftig. Das einzige, was ihn beunruhigte, war der Zweifel, ob er Spade diese Vernünf­tigkeit klar machen konnte. Er hatte bisher noch nie jemandem seine Geschichte erzählt und sich deshalb nie be­mühen müssen, ihrer Vernünftigkeit Ausdruck zu verleihen. Er versuchte es jetzt. 

»Ich habe es auch mitgekriegt,« sagte Spade zu Brigid O'Shaughnessy, »aber Mrs. Flitcraft hat es nie verstanden. Sie hielt es für dumm. Vielleicht war es das. Jedenfalls, es kam zu einem guten Ende. Sie wollte keinen Skandal und, nach dem üblen Streich, den er ihr – ihrer Ansicht nach – gespielt hatte, wollte sie auch ihn nicht mehr. Sie liessen sich in aller Stille scheiden und alles war in schönster Ordnung.« 

»Folgendes war ihm zugestossen: Als er zum Mittagessen ging, kam er an einem Bürohaus vor­bei, das gerade im Bau war – nur der Rohbau stand schon. Ein Balken oder sowas fiel vom achten oder zehnten Stock herunter und knallte neben ihm auf den Bürgersteig. Das Ding pfiff ziemlich dicht an ihm vorbei, berührte ihn jedoch nicht, aber ein Stück Pflaster wurde herausge­schlagen und flog in die Höhe und traf ihn an der Backe. Es nahm bloss ein Stück Haut mit, aber er hatte die Narbe noch, als ich ihn sah. Er rieb sie mit dem Finger – na ja, zärtlich – als er mir davon erzählte. Er war natürlich toderschrocken, sagte er, aber es war mehr ein Schock, als eigentliche Angst. Er fühlte sich, als ob jemand den Deckel von seinem Leben abgehoben habe und ihn den Mechanismus sehen liesse.« 

Flitcraft war ein guter Bürger und ein guter Gatte und Vater gewesen, nicht aus äusserem Zwang, sondern einfach, weil er ein Man war, der sich in Einklang mit seiner Umgebung am wohl­sten fühlte. Er war so erzogen worden. Die Leute, die er kannte, waren so. Das Leben, das er kannte, war eine saubere, ordentliche, vernünftige Angelegenheit. Jetzt hatte ihm ein fallender Bal­ken gezeigt, dass das Leben im Grunde nichts von alledem war. Er, der gute Bürger-Gatte-Vater konnte zwischen Büro und Restaurant durch den Zufall eines stürzenden Balken ausradiert werden. Da erkannte er, dass die Men­schen so durch Zufall starben und nur lebten, solange der blinde Zu­fall sie verschonte. 

Es war nicht in erster Linie die Ungerechtigkeit, die ihn daran störte: er nahm sie nach dem er­sten Schock hin. Was ihn störte, war die Entdeckung, dass er, indem er seine Angelegenheiten ver­nünftig ordnete, im Gegensatz zum Leben und nicht im Einklang damit stand. Er sagte, bevor er zwanzig Schritte von dem gefallenen Balken gegangen war, habe er gewusst, dass er keinen Frie­den finden würde, bis er sich auf die neue Einsicht vom Leben eingestellt habe. Als er sein Mittag­essen verzehrt hatte, hatte er das Mittel dazu gefunden. Sein Leben konnte blind durch einen fal­lenden Balken been­det werden: er würde blind sein Leben verändern, indem er einfach wegging. Er liebte seine Familie, sagte er, so sehr wie er es für normal hielt, aber er wusste, dass er sie gut ver­sorgt zurückliess, und seine Liebe für sie war nicht von der Art, die Abwesenheit schmerzhaft machte. 

»Er fuhr am selben Nachmittag nach Seattle,« sagte Spade, »und von dort mit dem Schiff nach San Francisco. Ein paar Jahre wanderte er herum und kam dann zurück in den Nordwesten und liess sich in Spokane nieder und heiratete. Seine zweite Frau sah nicht aus wie die erste, aber sie besassen mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Wissen sie, die Art von Frauen, die passabel Golf und Bridge spielen und neue Salatrezepte sammeln. Er bedauerte nicht, was er getan hatte. Es schien ihm ganz vernünftig. Ich glaube, er wusste nicht einmal, dass er sich ganz von selber wieder in derselben Rille niedergelassen hatte, aus der er in Tacoma herausgeprungen war. Aber das gefiel mir immer besonders daran. Er stellte sich darauf ein, dass Balken fielen, und dann fielen keine mehr und er stellte sich darauf ein, dass keine fielen.« 

»Absolut faszinierend", sagte Brigid O'Shaughnessy.«